Ein neues Baby

Das Fräulein hat ein neues Baby!

Singer 201

Vor drei Wochen ungefähr ist sie im örtlichen Rewe am die Lebensmittel einpacken, und ihr Blick fällt auf eine Kleinanzeige mit einem Foto einer alten Nähmaschine. Eine Singer 201, Anfang Dreissiger gebaut, die Mechanik würde funktionieren aber der Antriebsriemen sei kaputt, für 40 Euro zum abholen. Ein wenig gezaudert hat sie noch, immerhin habe sie bisher schon auf einer 50 Jahre alten Maschine genäht, braucht sie da wirklich noch eine ältere? Und sie wollte doch etwas sparen. Ihr Freund war es der sie überzeugt hat anzurufen (das war schon eher ein Befehl seinerseits), und 5 Tage nachdem sie die Anzeige sah ging sie mit ihrem Freund und einem Handkarren in die nächste Strasse (das war wirklich nebenan!) und hat sie abgeholt.

Den neue Antriebsriemen gabs am nächsten Tag in der Stadt. Die junge Verkäuferin die das Fräulein zuerst ansprach guckte zwar etwas verdutzt, aber eine etwas erfahrenere Verkäuferin hatte die Ohren gespitzt und ist nach vorne gekommen, „Ich weiss genau was sie brauchen!“ Eine Handvoll neue Unterfadenspulen gabs auch noch dazu.

Und dann ging es ans putzen und ölen. Die Nähmaschine war seit mindestens einem viertel Jahrhundert nicht mehr benutzt worden, und während der Zeit auch höchstens auf der Vorderseite mal geputzt worden. Alles war irgendwie Braun und etwas klebrig, innen wie aussen. Dadurch hat das Fräulein eine grosse Entdeckung gemacht: sie kann diese Nähmaschine unter Einsatz einiger Schraubenzieher komplett in ihre Einzelteile zerlegen und wieder zusammensetzen. Das hat sie zwar nicht gemacht – sie begnügte sich damit Stichlängenregler, die Oberfadenspannung, Füsschendruckregler und ein paar andere Kleinigkeiten auseinanderzunehmen – aber es gibt ihr ein sehr starkes Gefühl von Vertrauen zu wissen das sie das kann.

Ein paar Tage davon und ein wenig Recherche später (die Fadenspannung war falsch zusammengebaut gewesen, das ist jetzt besser) und das Fräulein ist sehr zufrieden mit ihrem Baby. Was silbern glänzen soll glänzt silbern, was schwarz sein soll spiegelt schwarz. Die Mechanik läuft sauber und flüssig und fast Geräuschlos (man hört das Fusspedal und den Antriebsriemen, und die Nadel wenn sie in den Stoff sticht). Ein erstes kleines Projekt hat sie damit auch schon fertig, sie näht sauber und schön.

Zu den technischen Details, sie ist wie beworben eine Singer 201. Gebaut wurde sie in Wittenberge, laut Seriennummer in 1930. Ob dies stimmt weiss das Fräulein jedoch nicht, Singer selbst hat die Seriennummernlisten für das Werk in Wittenberge verloren, und die Liste welche sie fand ist eine inoffizielle. Und eine Quelle welche sie gefunden hat sagt zwar das die 201 Klasse ab ’29 gebaut worden sei, die meisten anderen Quellen sagen aber Mitte Dreissiger (diese beziehen sich aber möglicherweise auf das Modell mit Elektromotor). Garantiert wurde sie aber vor 1945 hergestellt, danach wurden in dem Werk die Veritas Nähmaschinen gebaut, und ziemlich sicher stammt sie von vor dem Krieg, während dem Krieg wurde die Produktion stark reduziert.

Sie kann geradeaus und rückwärts, und keinen Zickzack. Es gibt jedoch ein Füsschen welches Zickzack kann, nebst vielen anderen zum Teil sehr abenteuerlichen Füsschen. Auch die Füsschen des Fräuleins Elna sind mit ihr kompatibel, und im Nähmaschinenhandel habe sie schon eine Menge weiterer Füsschen gefunden. Ganz spannend, sie kann Unterfaden aufspulen während das Fräulein normal näht.

Der Fussantrieb ist etwas gewöhnungsbedürftig, vor allem wenn das Fräulein einige Stiche rückwärts nähen soll will ihr Fuss auch rückwärts treteln, was natürlich nicht geht. Aber da es selbst nach so kurzer Übungszeit schon so gut geht hat sie keine Zweifel das dies bald ganz automatisch gehen wird.

Und ja, alles in allem ist das Fräulein total glücklich mit ihrer neuen Singer. Als nächstes testet sie sie gründlich durch und näht ein Korsett mit ihr.

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